Finanzwissen

Was Emotionen am Finanzmarkt auslösen

Herbert Schwarzenberger
geschrieben von Herbert Schwarzenberger

Herbert Schwarzenberger beschäftigt sich wissenschaftlich unter anderem mit Entscheidungspsychologie auf Finanzmärkten. Im Interview verrät er, was die ominöse Glückssträhne mit der inneren Einstellung zu tun hat und wie viel Erfolg er durch dieses Wissen an der Börse hat.

Herr Prof. Schwarzenberger, welche psychologischen Erkenntnisse gibt es in Bezug auf die Börse, die besonders interessant sind?

Herbert Schwarzenberger: Wesentlich ist vor allem die Erkenntnis, dass auch Finanzmärkte psychologischen Einflüssen unterliegen. Für verschiedene Dynamiken an Börsen gibt es keine rationale Erklärung, das zeigt sich zum Beispiel in Finanzkrisen. Diese werden vielfach durch suboptimale Entscheidungen von Anlegerinnen und Anlegern verschärft. Meist werden dabei kognitive Urteilsfehler begangen, auch Biases genannt. Relevant sind in diesem Zusammenhang beispielsweise sogenannte Heuristiken, die zwar schnelle Entscheidungen ermöglichen, aber mitunter in die Irre leiten. Kursschwankungen kommen auch dadurch zustande, dass alte Informationen unter- und neue übergewichtet werden. Zum Beispiel können aktuelle Medienberichte, auch über nicht ökonomische Ereignisse, auf instabilen Aktienmärkten schwerwiegende Auswirkungen haben. Auch Emotionen spielen eine Rolle. Die momentane Befindlichkeit, Stimmungen und Gefühle wirken sich auf unsere Entscheidungen aus. So treffen wir in positiver Stimmung Entscheidungen mitunter schneller und weniger überlegt.

Wie können diese für Anlegerinnen und Anleger hilfreich sein?

Herbert Schwarzenberger: In der Wirtschaftspsychologie geht es in erster Linie darum, menschliches Verhalten zu beobachten und zu interpretieren. Aus diesen Beobachtungen und der Analyse von Entscheidungen bzw. Entscheidungsfehlern lassen sich durchaus Erkenntnisse ableiten. Die Umsetzung ist aber nicht so einfach, wie man sich das wünschen würde. Wenn man zum Beispiel weiß, dass Heuristiken zu Entscheidungsfehlern führen können, sollte man diese im Grunde vermeiden. Die daraus abgeleitete Empfehlung, eine Entscheidung möglichst rational, fundiert bzw. reflektiert zu treffen, ist aber in Situationen, wo es schnell gehen muss, wenig praxistauglich. Wichtig ist vor allem, dass man sich bewusst macht, dass Investitionsentscheidungen von psychologischen Faktoren wie kognitiven Fehlern, Wahrnehmungsverzerrungen oder Emotionen beeinflusst werden. Wenn das zu einer kritischen Haltung führt, ist schon viel erreicht. Einfache Rezepte gibt es leider nicht.

Was sind die größten Fehler, die man aus börsenpsychologischer Sicht machen kann?

Herbert Schwarzenberger: Ein „klassischer“ Fehler ist zum Beispiel, dass man Gewinne zu rasch realisiert und Verluste zu lange aussitzt. Psychologisch wiegen Verluste stärker und verleiten uns zu riskanteren Verhaltensweisen, was sich vor allem längerfristig nachteilig auswirkt. Möchte man das Risiko reduzieren, sollte man seine Investitionen möglichst streuen. An der Börse spricht man dabei von Strategie der Diversifikation. Viele Anleger und Anlegerinnen streuen allerdings nicht ausreichend konsequent. Der sogenannte „Home-Bias“ beschreibt den Umstand, dass häufig nur am heimischen, weil gut bekannten, Markt diversifiziert wird. Dabei ignoriert man allerdings, dass sich unterschiedliche Aktien innerhalb eines Marktes hinsichtlich der Wertentwicklung viel stärker gegenseitig beeinflussen, als auf verschiedenen Märkten.

Wie rational ist die Börse bzw. ihre handelnden Akteure?

Herbert Schwarzenberger: Finanzmärkte folgen zumindest auf aggregierter Ebene durchaus rationalen Mustern. Das gilt jedoch nicht für alle Akteurinnen und Akteure gleichermaßen. Ein computergesteuerter Fonds, der strikt einem Algorithmus folgt (auch wenn dieser von einem Menschen programmiert wurde) agiert unserem Verständnis nach durchaus rational, also frei von Gier, Ängsten, moralischen Bedenken etc. Private Anlegerinnen und Anleger, und übrigens auch Expertinnen und Experten, agieren „menschlich“. Wir sind kognitiv nicht in der Lage unbegrenzt Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten, daher passieren uns allen Entscheidungsfehler mit unterschiedlichen Auswirkungen. Das sieht man auch an der Börse Tag für Tag.

Wir liegen also weit entfernt vom Modell des Homo oeconomicus, der zu uneingeschränkt rationalem Verhalten fähig ist?

Herbert Schwarzenberger: Das Menschenbild des Homo oeconomicus gilt als überholt, das ist korrekt. Aspekte dieses Menschenbildes finden sich an der Börse allerdings weiterhin, es geht ja schließlich primär um Nutzenmaximierung. Sich uneingeschränkt rational zu verhalten, wäre aber in Wahrheit viel zu anstrengend und zeitintensiv. Man müsste sich dafür einen Überblick über alle zur Verfügung stehenden Optionen verschaffen, diese analysieren, bewerten und in Relation zueinander stellen und daraus folgend eine fundierte, abwägende Entscheidung treffen. Das wäre auf einem globalen Markt eine enorme Herausforderung und mit enormen Kosten verbunden. Man könnte durchaus kritisch hinterfragen, ob das rational ist.

„Die Gier ist der größte Feind des Anlegers“  – ist das so, oder gibt es andere Emotionen, die noch „gefährlicher“ sind?

Herbert Schwarzenberger: Aus wirtschaftspsychologischer Sicht würde ich das grundlegender betrachten und allgemein riskantes Verhalten als „gefährlich“ bezeichnen. Die relevante Frage lautet, was uns zu riskanten Entscheidungen bzw. Strategien verleitet. Das kann durchaus die angesprochene Gier sein. Häufig beobachtet man aber wie bereits angemerkt, dass Anleger und Anlegerinnen verlustbehaftete Aktien zu lange halten und gewinnbringende Aktien zu schnell verkaufen, das nennt man den Dispositionseffekt. Die wirtschaftspsychologische Erklärung dafür lautet, dass Verluste psychologisch mehr wiegen als Gewinne. Daher setzt man riskantere Strategien ein, um Verluste zu vermeiden bzw. zu reparieren. Das ist definitiv gefährlich, auch wenn das vereinzelt funktioniert. „Gefährlich“ können auch Freude und Enttäuschung über das Ergebnis einer getroffenen Entscheidung sein. Das überlagert durch übersteigerten Optimismus oder Pessimismus in weiterer Folge häufig eine fundierte Entscheidungsfindung. Man sollte versuchen, verschiedene Ereignisse und Erfahrungen nicht zu stark in Bezug zueinander zu setzen. Die ominöse „Glückssträhne“ hat man in der Regel, wenn überhaupt, nicht besonders lange.

Kann man seine Gefühle austricksen?

Herbert Schwarzenberger: Das ist schwierig, weil unsere Stimmung von Variablen beeinflusst werden, die wir mitunter nicht kontrollieren können. Es gibt sehr interessante Studien, die den Einfluss von stimmungsauslösenden Parametern wie dem Wetter oder der Außentemperatur belegen. So zeigt sich, dass an sonnigen Tagen die Aktienkurse tendenziell steigen. Eine wirtschaftspsychologische Erklärung dafür lautet, dass in positiver Stimmung Verluste weniger schwerwiegend wahrgenommen werden. In manchen Studien werden von Expertinnen und Experten Gefühle als wesentlichste Entscheidungsgrundlage bei schlechten Entscheidungen an der Börse genannt. So einfach scheint das also nicht zu sein.

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Investieren Sie als Wirtschaftspsychologe selbst an der Börse?

Herbert Schwarzenberger: Durchaus, allerdings sowohl mit bescheidenen Mitteln, als auch mit bescheidenem Erfolg. Am Ende handelt es sich bei allen psychologischen Einflussfaktoren doch um ein Gebiet, auf dem eine spezifische Expertise relevant ist und auf dem der nachhaltige Erfolg häufig stark von der Intensität der Auseinandersetzung abhängt. Wie vielen privaten Anlegern fehlt mir dafür wohl einfach auch die Zeit.

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