Immobilienmarkt

Was in der Leere alles steckt…

Die prophezeite Wachstumsrate Wiens stellt die Schaffung von neuem Lebens- und Arbeitsraum außer Frage. Dennoch sollte das nicht die einzige Strategie bleiben, um einen sinnvollen Umgang mit der sich laufend verändernden Bevölkerung und ihren Bedürfnissen zu finden. Neben der Entwicklung von Stadterweiterungsgebieten und der städtischen Nachverdichtung besteht noch eine weitere Möglichkeit der Raumakquise für den erhöhten Bedarf: die Reaktivierung bestehender, nicht genutzter Bestandsstrukturen.

Umwidmung und Umnutzung als Motor des wirtschaftlichen Wandels

Nicht nur aus stadtplanerischer, sondern auch aus ökologischer Sicht ist es fragwürdig, die Deckung des verstärkten Flächenbedarfs sowie die Stadtentwicklung rein auf Neubaugebiete zu konzentrieren. Eine Wiedereinbindung, Neupositionierung und Wiederbelebung unterbewerteter, gewandelter bzw. aus der Wahrnehmung entschwundener Räume kann in der Zukunft eine wichtige Grundlage für die stadtplanerische und architektonische Praxis bilden. Die Leerstandsaktivierung leistet nicht nur einen wesentlichen Beitrag zur Deckung des vorhandenen Raumbedarfs, sondern schafft zudem einen Möglichkeitsraum für neue Formen der Nutzung.

Verfall kann zur Entwicklungsstrategie werden

Es gibt unzählige Gründe, aus denen Gebäude oder Teile davon leer stehen können. Das kann von ungewollten Leerzeiten zwischen zwei Nutzungen bis zu obsolet gewordenen Funktionen von Räumen reichen. Trotzdem sollten Leerstände und Brachen nicht als Zwang oder Belastung gesehen werden, sondern als Bedingung für eine Umstrukturierung, denn sie bilden Zukunfts- und Möglichkeitsräume, die für die zukünftige Stadt Lern- und Experimentierfelder darstellen und durch ihre Adaptierung und Nutzung die Stadt wiederum bereichern können.

Zwischennutzung als Instrument der Stadtplanung und -entwicklung

Dort, wo Unsicherheiten über zukünftige Nutzungen bestehen, können Zwischennutzungen als Beitrag zur Stabilisierung und Imagebildung von Standorten einen Beitrag zur Stadtentwicklung liefern und als strategisches Instrument wichtig werden. Sie können unter sehr verschiedenen Standortbedingungen funktionieren: In Altstadtgebieten können temporäre Nutzungen zum Erhalt stadtbildprägender Bausubstanz beitragen, während sie in Neubaugebieten vor allem zur Vorbereitung von neuen Standorten eingesetzt werden können. Im Idealfall verlängert sich sogar die Zwischennutzung zu einer dauerhaft tragfähigen und für den Standort optimalen Dauernutzung.

Nutzung stadträumlicher und zielgruppenspezifischer Synergieeffekte

Betrachtet man die Interessenslage der beteiligten Parteien – also die Eigentümer und die Nutzer –, entstehen auf beiden Seiten Vorteile, die durch eine erfolgreiche Zwischennutzung erzielt werden können: EigentümerInnen können beruhigter sein, da ihre Räumlichkeiten vor Vandalismus und Verwahrlosung geschützt werden. Sie erzielen mitunter geringe Miet- oder Pachteinnahmen sowie eine Übernahme der Betriebskosten und können von einer Bekanntmachung des Standorts bzw. Steigerung des Verkehrswerts der Immobilie (eventuell auch Instandhaltungsarbeiten) profitieren. NutzerInnen erhalten kurzfristig günstige Flächen oder Gebäude(teile), wo mit wenig finanziellem Aufwand Ideen umgesetzt werden können – eventuell mit einem gewissen Anteil an Eigenleistung in der Raumadaption.

Jeder Zwischennutzung wohnt ein Zauber inne

Die zeitliche Befristung der Leerstandsbespielung lässt ZwischennutzerInnen in der Regel besonders kreativ mit dem Ort und den vorhandenen Ressourcen umgehen. Alles, was für diese Zeitspanne geschaffen wird, bekommt automatisch den Flair des Besonderen und Wertvollen. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass stets ein nostalgischer Gedanke über die Vergänglichkeit mitschwingt, aber gleichzeitig auch des Besonderen und Einzigartigen, woraus wieder neue und spannende Dinge entstehen können.

Autor/in

Angelika Schmied

Angelika Schmied ist Mitbegründerin von NEST (www.nest.agency), einer Agentur für Leerstandsmanagement. Als Architektin beschäftigt sie sich gern mit dem Einfluss gebauter Umwelt auf das Leben von Menschen, als Anthropologin mit den unterschiedlichen Denk- und Handlungsweisen von Menschen. Privat ist sie gern handwerklich tätig.

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