Finanzwissen

Warum unser Gehirn mit Geld nicht umgehen kann

Roland Ullrich
geschrieben von Roland Ullrich

Herr Ullrich, Sie sagen, unser Hirn ist nicht dazu geschaffen, mit Geld umzugehen. Würden Sie einem Menschen Ihr Geld zum Anlegen anvertrauen?

Roland Ullrich: Die Frage, ob sich unsere evolutionsgeschichtlich uralten Gehirnsysteme überhaupt dafür eignen, rationale Finanzentscheidungen zu treffen, hat die Neurofinance Forschung eindeutig beantwortet. Hirnforscher haben in unzähligen Experimenten nachgewiesen, dass Verhaltensmuster, die sich in der Evolution bewährt und damit unser Überleben gesichert haben, heute zu individuellem Fehlverhalten und Übertreibungen an den Finanzmärkten führen.

Gleichwohl besteht ein Unterschied, ob ich eigenes oder fremdes Geld anlege. Es überrascht nicht, dass bei der Eigenanlage die Emotionen sehr viel schneller überhand nehmen. Trotzdem macht es im gegenwärtigen Niedrigzinsumfeld wenig Sinn, sein Geld einem Vermögensverwalter anzuvertrauen. Die Verwaltungs- und Managementgebühren lassen kaum eine positive Performance zu. Ein diversifiziertes ETF Portfolio ist da deutlich attraktiver.

Wir haben jeden Tag mit Geld zu tun. Warum soll unser Hirn also nicht damit umgehen können?

Roland Ullrich: Unser Gehirn ist das Resultat eines evolutionären Selektionsprozesses. Es ist uns Menschen von Natur aus nicht möglich, ökonomisch rationale Entscheidungen an komplexen Finanzmärkten zu treffen. Finanzmärkte folgen völlig anderen Gesetzen. Unser Gehirn ist dafür einfach nicht gemacht. Unsere genetische Ausstattung hat sich seit den letzten 30–40.000 Jahren nur unwesentlich verändert. D.h. die Evolution ist angesichts der rasanten Entwicklung der Welt in den letzten Jahrhunderten einfach nicht mitgekommen. Reiz-Reaktionsmuster, die dazu bestimmt waren, unser Überleben in der Steinzeit zu sichern (Kampf-Flucht-Reflex) bestimmen heute noch unser Verhalten, auch an den Finanzmärkten…

Wie wichtig ist das Bauchgefühl in Geldfragen?

Roland Ullrich: Bauchgefühl und Intuition spielen bei sehr erfahrenen Anlegern eine Rolle. Voraussetzung ist ein im Vorfeld klar definierter Handelsplan. Risiko- und Money Management dürfen nicht vernachlässigt werden. In diesem Rahmen kann ich auf mein emotionales Erfahrungsgedächtnis zurückgreifen, um Muster intuitiv zu erkennen oder Einstiegs- bzw. Ausstiegsszenarien.

Was passiert, wenn der Verstand in Geldfragen aussetzt und die Emotionen übernehmen?

Roland Ullrich: Dann laufen blitzschnelle biochemische Prozesse im Gehirn ab. Eine Überaktivierung der emotionalen Systeme löst eine Automatik aus, die zu kognitiven Verzerrungen führt. Der Zugang zu den Verstandsarealen im Gehirn wird regelrecht runtergefahren.

Bei erwartetem Geldverlust zum Beispiel erstehen in unserem Gehirn die gleichen Emotionen wie bei Angst, Bedrohung oder physischem Schmerz. Das Gehirn differenziert hier nicht. Das limbische System sorgt dafür, dass Stresshormone (Adrenalin, Cortisol) ausgeschüttet werden, die den Körper in Spannung versetzen. Das Gehirn schaltet den Kampf-Flucht Mechanismus ein. Der Verstand ist ausgeschaltet. Der Autopilot übernimmt. Aus Angst, Gewinne wieder zu verlieren, verkaufen wir zu früh. Um Schmerzen zu vermeiden, realisieren wir kleine Verluste nicht, versetzen Stopps. Oder wir halten starr an falschen Strategien fest.

Bei erwarteten Gewinnen hingegen werden wir risikofreudig und neigen zu Fahrlässigkeit und Selbstüberschätzung. Unser Gehirn giert ständig nach Belohnung. Das limbische Belohnungssystem wird aktiviert und das sogenannte Glückshormon Dopamin sorgt dafür, dass wir gerne alle Vorsichtsregeln außer Acht lassen. Grundsätzlich gilt, dass die Automatik der biochemischen Prozesse im Gehirn immer schneller ist als unser analytisch-logisches Denkvermögen.

Inwiefern trifft ein Robo-Advisor bessere oder andere Entscheidungen als ein Mensch?

Roland Ullrich: Der Trend zur Digitalisierung zeigt wie irrationales Anlegerverhalten mithilfe künstlicher Intelligenz begrenzt werden kann. Je nach Risikoneigung des Anlegers schlägt der Robo-Advisor automatisch einen Mix kostengünstiger Indexfonds vor. Solche Algorithmen-basierte Anlageprodukte schließen Emotionen und kognitive Verzerrungen aus, die zwangsläufig bei menschlichen Finanzentscheidungen auftreten. Aber was passiert in turbulenten Marktphasen? Halten die Kunden den Druck aus und greifen nicht doch trotz aller Automatisierung manuell ein? Außerdem sind Algorithmen rückwärts gewandt und nicht objektiv, sie folgen starren Regeln, wollen den Status Quo zementieren oder extrapolieren linear. Hinter Algorithmen stecken rigide Annahmen, Voraussetzungen, Ziele, die nicht klar und objektiv sind. Die reale Welt verändert sich unvorhersehbar und dynamisch. Kundenbedürfnisse sind kein digitales Optimierungsproblem.

In welchen Punkten ist der Mensch dem Roboter überlegen?

Roland Ullrich: Ein wirklich lernendes und beratendes System sind Robo-Advisors heute noch nicht. Auf die individuellen emotionalen Bedürfnisse der Kunden können Robo-Advisors nicht eingehen. Die Berührungsängste mit dem künstlichen Berater sind noch groß. Außerdem können vermögende Privatkunden auf das umfassende Wissen und den globalen Erfahrungsschatz der Bank zurückgreifen. Trotzdem ist der Trend Richtung Automatisierung der Anlageberatung nicht mehr aufzuhalten. Die Geschäftsmodelle der Robo-Advisors sind sehr kostengünstig und leicht skalierbar. Letztlich geht es um die Frage, wie sich menschliche und künstliche Intelligenz ergänzen können.

Wie kann man den eigenen Umgang mit Geld verbessern? Wie verhindert man Fehlentscheidungen?

Den Rest des Interviews finden Sie auf unserem Medium-Kanal Apropos Geld.

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